Zugegeben, der Titel ist sehr provokativ formuliert. Es soll hier auch gar nicht darum gehen, irgendwelche Sicherheitslücken direkt im SSL-Protokoll (bzw. TLS) oder einer der vielzähligen Implementierungen aufzuzeigen. Vielmehr möchte ich zeigen, dass Verschlüsselung, wie sie heutzutage an vielen Stellen eingesetzt wird, oft nicht mehr tut, als den Benutzer in Sicherheit zu wiegen.

Viele Webseiten unterstützen inzwischen Verschlüsselung – nicht zuletzt, da beispielsweise Google dies seit einigen Monaten in die Bewertung des Rankings einfließen lässt.

Seine Ziele erreicht SSL hier allerdings leider nur bedingt. Es wird zwar sichergestellt, dass die Webseite wie auch Benutzereingaben auf dem Transportweg z.B. durch transparente Proxies nicht verändert werden.

Trotz Verschlüsselung lassen sich von einem Angreifer, der die Netzwerkverbindung passiv abhören kann, dennoch viele Informationen ableiten:

1. Üblicherweise unterstützen Webseiten Redirects, die von HTTP auf HTTPS umleiten. Dabei wird allerdings die erste HTTP-Anfrage ohne Verschlüsselung abgesendet, aus der sich beispielsweise die vollständige URL erfahren lässt.

Zwar gibt es für dieses Problem die HTTP-Erweiterung HSTS, aber zum einen wird sie nur von den wenigstens Webseiten unterstützt und zum anderen greift sie nicht beim ersten Request.

2. Webseiten integrieren prinzipbedingt oftmals Bilder oder JavaScript-Dateien von anderen Webseiten. Selbst wenn diese auch über HTTPS-URLs eingebettet wurden, lässt sich zumindest feststellen, welchen Organisationen diese externen Webseiten gehören.

Beim Aufrufen eines WordPress-Blogs wäre es so beispielsweise nicht verwunderlich, IP-Adressen von Facebook, Google, Twitter und WordPress zu sehen, was z.B. darauf hindeuten würde, dass der Blog über Plugins für Social Buttons verfügt.

3. Anhand der in Punkt 2 ermittelten Daten lässt sich bereits ein recht guter Fingerabdruck erstellen. Noch eindeutiger wird dieser, wenn man die Download-Größe der Webseiten-Requests beobachtet. Viele Webseiten inkludieren beispielsweise eine unterschiedliche Anzahl an Bildern, die dazu beitragen, dass sich die Download-Größe von Seite zu Seite signifikant unterscheidet. Der technische Begriff dafür ist Traffic Analysis.

Um mit diesen Informationen Rückschlüsse auf die aufgerufene URL zu ziehen, müsste der Angreifer über einen Index aller aufrufbaren Seiten verfügen, um deren Download-Größe mit der tatsächlich aufgerufenen Seite zu vergleichen. Bei öffentlich zugänglichen Seiten ließe sich dieser Index mit Hilfe eines Web-Crawlers mit moderatem Aufwand erstellen.

Die beschriebenen Probleme gibt es natürlich nicht nur bei Webseiten. Wenn ich beispielsweise einen Blick in mein E-Mail-Postfach werfe, finde ich gerade einmal eine Handvoll signierter E-Mails und eine einzige verschlüsselte E-Mail. Alle anderen E-Mails liegen unverschlüsselt auf dem E-Mailserver meines Providers (Google).

Fragen Sie einfach einmal einen Ihrer Bekannten, ob deren E-Mails verschlüsselt sind: Dank großflächiger Werbemaßnahmen wie “E-Mail made in Germany” und De-Mail wird Ihnen dieser die Frage sicher bejahen. Dumm nur, dass dabei nur die Verbindung zum E-Mailserver der Provider verschlüsselt ist, dieser aber dann die Mails im Klartext einsehen kann.

Gunnar Beutner

Autor: Gunnar Beutner

Vor seinem Eintritt bei NETWAYS arbeitete Gunnar bei einem großen deutschen Hostingprovider, wo er bereits viel Erfahrung in der Softwareentwicklung für das Servermanagement sammeln konnte. Bei uns kümmert er sich vor allem um verschiedene Kundenprojekte, aber auch eigene Tools wie inGraph oder Icinga2.